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Blindheit – grausames Schicksal oder neue Perspektiven?

In der Bewerbung einer sehenden Pädagogin um einen Integrationspreis las ich, dass Blindheit ein grausames Schicksal sei. Diese Feststellung hat mich nachdenklich gestimmt, und ich habe mich gefragt, welche Vorstellungen sehende Menschen von Blindheit und blinden Menschen haben mögen, aus denen Ängste oder Hemmungen im Umgang mit den Betroffenen resultieren. Aus diesem Grunde möchte ich Euch etwas über Blindheit erzählen.

Volker König        
Blindheit – grausames Schicksal oder neue Perspektiven?
Vortrag gehalten am 25.03.09 in der Wedeler Auferstehungskirche
(überarbeitet am 23.03.09)


Liebe Gemeinde!

In der Bewerbung einer sehenden Pädagogin um einen Integrationspreis las ich, dass Blindheit ein grausames Schicksal sei. Diese Feststellung hat mich nachdenklich gestimmt, und ich habe mich gefragt, welche Vorstellungen sehende Menschen von Blindheit und blinden Menschen haben mögen, aus denen Ängste oder Hemmungen im Umgang mit den Betroffenen resultieren. Aus diesem Grunde möchte ich Euch etwas über Blindheit erzählen.

In der Bibel ist an vielen Stellen von Blinden und Wunderheilungen die Rede. Dies trifft auch für die vier Evangelien zu. Doch in keinem Evangelium ist die Ursache der Blindheit näher beschrieben. Blindheit wird als soziale Ausgrenzung dargestellt. Eindrucksvoll wird im Markus-Evangelium (10, 46 – 52) die Geschichte der Wunderheilung des zerlumpten, blinden Bettlers Bartimäus erzählt. Er sitzt am Rande der Straße von Jericho nach Jerusalem, als er Jesus und sein Gefolge vorbeiziehen hört. Gegen den Widerstand der Umherstehenden gelingt es ihm, sich bemerkbar zu machen. Er wird von Jesus erhört und kann wieder sehen. Jesus sagt ihm: Dein Glaube hat Dir geholfen. Dies mag man als ein Wunder ansehen, ein Wunder, das schon Generationen von Kindern im Grundschulalter und Kindergottesdienst vermittelt worden ist.

Diese Wunderheilung sollte man nicht kommentarlos übernehmen, wenn man sie auf unsere heutige Zeit übertragen will. Zum einen ist die soziale und damit auch wirtschaftliche Situation blinder Menschen in unserem Lande eine andere als vor 2000 Jahren. Bei uns muss keiner mehr betteln, wenn er sein Augenlicht verloren hat. Auch die medizinische Versorgung ist eine andere geworden. Vor 2000 Jahren gab es keine Brillen oder anderen Sehhilfen, keine Augentropfen. Damals dürften die hygienischen Verhältnisse auch nicht mit denen unserer Zeit vergleichbar gewesen sein. Denken wir nur einmal daran, das die Bevölkerung Hamburgs 1892 - also vor kaum mehr als 100 Jahren – noch unter einer Cholera-Seuche zu leiden hatte, weil ihr Trinkwasser ungefiltert aus der Elbe geschöpft und gleichzeitig ihre Abwässer in die Fleete entsorgt wurden, die letztlich in die Elbe flossen. Wir brauchen also nicht erst nach Galiläa gehen, um deutlich zu machen, das damals schon aufgrund der mangelnden Hygiene andere Ursachen für Krankheiten und letztlich auch für Seheinschränkungen geherrscht haben dürften.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation geht man heute von weltweit etwa 60.000.000 blinden Menschen aus. Die Ursachen für die Erblindung sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Vitaminmangel über bakterielle Entzündungen der Augen bis hin zu Erkrankungen, die durch Insekten übertragen werden. Zu den Häufigsten Erblindungsursachen zählt der „graue Star“, eine Linsentrübung. Dort, wo die medizinische Versorgung besser – d.h. flächendeckend – und bezahlbar ist, gibt es auch weniger blinde Menschen. Wenngleich deren Zahl infolge der soziodemographischen Entwicklung auch in Ländern mit optimaler medizinischer Versorgung steigend ist. In Deutschland haben wir zurzeit ca. 200.000 blinde und ca. 550.000 hochgradig sehbehinderte Menschen (Sehvermögen geringer als 10%). Die meisten blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen haben ihr Sehvermögen erst in einem Alter über 60 Jahre verloren (ca. 62,5 %).

In früheren Jahren war auch bei uns der graue Star eine der häufigsten Erblindungsursachen. Dabei trübt sich die Linse des Auges mit zunehmendem Alter. Jährlich werden allein in Deutschland ca. 600.000 Personen am grauen Star operiert. Die getrübte Linse wird entfernt und durch eine Kunststofflinse ersetzt. Die Patienten erlangen durch diesen Eingriff fast vollständig ihr normales Sehvermögen zurück.
 
Wenn wir uns die jüngere Generation ansehen, dann sind nur etwa 2 % aller blinden Menschen in unserem Lande in frühester Jugend erblindet. Die häufigste Ursache dafür ist die Frühgeborenenretinopathie, eine Netzhautveränderung bei Frühgeborenen, die im Brutkasten – um überleben zu können - zu viel Sauerstoff bekommen haben.

Im mittleren Lebensabschnitt ist heute Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) die häufigste Erblindungsursache. Dabei wird die Gefäßwand feinster Kapillaren im Augenhintergrund durch jahrelange Zuckerablagerungen geschädigt. Durch unerwünschte Gefäßneubildungen (Proliferation) entsteht die Gefahr, dass Blut in den Glaskörper des Auges gelangt und dort zu irreversiblen Trübungen führt. Davon sind in Deutschland jährlich etwa 6000 Personen betroffen.

Die zurzeit häufigste Erblindungsursache ist allerdings die AMD, die altersbedingte Makuladegeneration. Sie tritt in trockener oder in feuchter Form auf, und von ihr sind allein in Deutschland mehr als 4,5 Millionen Menschen betroffen. Die Makula ist auf der Netzhaut unserer Augen der Punkt des „schärfsten Sehens“ (auch gelber Fleck genannt). Auf diesem im Durchmesser 5 mm großen Feld haben wir eine Häufung der etwa sechs Millionen Zapfen, die auf der Netzhaut für die Farberkennung und das Scharf-Sehen zuständig sind. Diese Zapfen sterben ab, sodass mit fortschreitender AMD nur noch ein  peripheres Sehen möglich ist, d.h. man nimmt wahr, dass einem eine Person gegenübersitzt, doch ihr Gesicht kann man nicht erkennen. Diese Augenerkrankung tritt in der Regel erst in einem Alter über 50 Jahre auf und soll vorrangig Menschen mit blauer Iris betreffen. Die AMD soll bis vor 100 Jahren noch völlig unbekannt gewesen sein, und es gibt dazu noch keine abschließende Ursachenforschung. Durch das Augenmedikament „Lucentis“ kann man bei der feuchten AMD lediglich den Verlauf verzögern. Eine Heilung ist beim derzeitigen Stand der Medizin nicht möglich.

Da die Zapfen und die für das Sehen bei Dunkelheit zuständigen Stäbchen der Netzhaut durch haarfeine, parallele Nervenfasern, die gemeinsam den Sehnerv bilden, direkt mit der Kortex, dem Sehzentrum im Gehirn, verbunden sind, wird es mit den heute bekannten Techniken der Medizin langfristig auch nicht möglich sein, ein Auge zu transplantieren.

Wenn wir von Blindheit sprechen, müssen wir uns fragen, wie Blindheit definiert ist? 
Per Definition ist in Deutschland blind, wer auf seinem besseren Auge weniger als  2 % sieht und sich in einer fremden Umgebung nicht ohne Hilfe zurechtfinden kann. In einigen Entwicklungsländern ist der Blindheitsbegriff anders definiert. Dort ist man blind, wenn man z. B. in 1 m Entfernung die fünf Finger einer vorgehaltenen Hand nicht mehr erkennen kann.

Wenn wir also 2000 Jahre zurückspringen, müssen wir fragen, was war die Erblindungsursache des Bartimäus. Könnte es nicht eine einfache Bindehautentzündung mit völlig verklebten Augenlidern gewesen sein. Bartimäus war möglicherweise zu Tränen gerührt, dass Jesus sich seiner angenommen hat, wo ihn doch die übrige Menge eigentlich gar nicht vorlassen wollte. Jesus war für die Menschen ein Hoffnungsträger. Möglicherweise könnten es Bartimäus Tränen gewesen sein, die seinen Heilungsprozess ausgelöst haben. Dann wäre es auch zutreffend, wenn Jesus sagt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wir wissen so gut wie nichts über die Erblindungsursachen jener Zeit. Die Auswirkungen – nicht sehen zu können – stehen dabei ganz außer Frage. Doch man sollte sich darüber im klaren sein, dass schwerwiegende und länger dauernde Erblindungsursachen – wie oben dargestellt - nicht mit Worten heilbar sind.

Wenn ich eingangs darauf hingewiesen habe, dass blinde Menschen in unserem Lande heute nicht mehr betteln müssen, so ist dies auf eine bessere soziale Versorgung und ein Bildungsangebot zurückzuführen, das es allerdings erst seit 223 Jahren gibt. 1786 hatte der Pariser Pädagoge Valentin Haüy mit Hilfe der blinden Wienerin Fräulein Marie von Paradis in Paris die erste Blindenanstalt Europas gegründet. Angeregt durch Haüy hat dann 1806 der Pädagoge Johann August Zeune in Berlin die erste Blindenanstalt Deutschlands aufgebaut. Bis dahin hat es auch in Europa nur vereinzelte blinde Menschen aus gesellschaftlich besser gestellten Kreisen gegeben, die, mit Hilfe von Privatlehrern, z. B. eine Ausbildung zum Pianisten erhalten haben. Einfacheren, blinden Menschen des Proletariats blieb nur die Möglichkeit zu betteln oder einfache handwerkliche Arbeiten auszuführen. Heute werden blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder – sofern bei ihnen nicht eine Mehrfachbehinderung vorliegt– bereits in ganz normalen Regelschulen unterrichtet und können dort sogar ihr Abitur machen. Schleswig-Holstein nimmt diesbezüglich in Deutschland eine Vorreiterrolle ein. Blinde und sehbehinderte Schüler werden dabei von Pädagogen der Staatlichen Schule für Sehgeschädigte in Schleswig betreut, die in die Regelschulen gehen, in denen blinde Kinder mit unterrichtet werden, um Lehrer und Schüler zu beraten und mit geeignetem Lehrmaterial zu versorgen.

Zur Vermittlung von Bildung gehört verständlicherweise auch das Lesen und Schreiben von Buchstaben und Ziffern. Anfänglich wurden daher in den Blindenanstalten kleinere Texte aus ausgeschnittenen oder in Blei gegossenen Lettern abgetastet. Die Blindenschrift, sog. Punktschrift wurde erst 1825 von dem damals 16jährigen blinden Franzosen Louis Braille entwickelt. Er hatte sich als 3jähriger in der Sattlerwerkstatt seines Vaters an einem Auge mit einem spitzen Gegenstand verletzt und erblindete mit 5 Jahren infolge dieser Verletzung. Louis Braille erfand eine Schrift, die aus 6 Punkten besteht, und mit der man max. 63 verschiedene Zeichen darstellen kann. Die mit einem Stichel von der Rückseite in etwas dickeres Papier geprägten Punkte sind ca. 0,4 bis 0,6 mm hoch und lassen sich relativ leicht mit den Fingerkuppen ertasten. Während man mit dem Zeigefinger der rechten Hand den Verlauf einer geschriebenen Zeile vorfühlt, liest der Zeigefinger der linken Hand (Lesefinger) die Schriftzeichen. Dabei wird nicht Punkt für Punkt abgetastet, sondern die geometrische Form des Zeichens innerhalb einer Zeile. Buchstaben und Satzzeichen können ebenso wie Ziffern mit den max. sechs Punkten dargestellt werden. Zu beachten ist, dass alle Zeichen, weil von der Rückseite in das Papier gedrückt, spiegelbildlich geschrieben werden müssen, um sie auf der Vorderseite des Blattes in ihrer richtigen Form lesen zu können.

Wie bei allen neuen Erfindungen, hatte es auch die nach Louis Braille benannte Braille-Schrift anfangs schwer, sich durchzusetzen. Blindenpädagogen untersagten ihren Schülern, diese Schrift zu benutzen, weil die Pädagogen – als Sehende – nicht überprüfen konnten, was ihre blinden Schüler lasen. Heute ist die Braille-Schrift international verbreitet. Die sechs Punkte werden in Japan ebenso zum Schreiben und Lesen benutzt wie in Arabien, Russland oder in Deutschland. Abweichend vom französischen Alphabet mussten in anderen Ländern - je nach der gebräuchlichen Landessprache - einige Sonderzeichen eingeführt werden, wie bei uns z.B. das ß-Zeichen, ä-, ö-, ü-. Auch das „W“ ist ein Sonderzeichen, weil es im französischen Alphabet nicht vorkommt.

Die meisten Druckerzeugnisse für Blinde werden heute nicht in einer Vollschrift (Buchstabe für Buchstabe), sondern in Kurzschrift geschrieben und Literatur wird in der Regel beidseitig mit Punziermaschinen gedruckt. Darum sieht man auf der Leseseite neben den erhabenen Punkten die Vertiefungen der Punkte, welche man auf der Rückseite des Blattes ertasten kann. Dies lässt sich sehr schön am Blindenschriftmagazin Stern/Zeit demonstrieren, einer Zeitschrift mit Artikeln aus dem Nachrichtenmagazin „Stern“ und der Wochenzeitschrift „Die Zeit“.

Wie bereits ausgeführt, haben wir in Deutschland einige Sonderzeichen und in der Kurzschrift auch andere Kürzungen von Wortstämmen, Vorsilben, Nachsilben und Endungen als in anderen Sprachen. Daraus wird deutlich, dass jede Sprache in der Blindenschrift ihre eigenen Kürzungen hat, die man als Blinder beim Erlernen einer Fremdsprache auch beherrschen muss, um die Blindenschriftliteratur des jeweiligen Landes lesen zu können.

Weil Schriftgut für Blinde in der Regel sehr viel größer ist als Schriftgut in z.B. 12-Punkt Normaldruck für Sehende, trägt die Blindenkurzschrift dazu bei, den Umfang des Schrifttums zumindest um ca. 30 % zu reduzieren. Zur Vorstellung: Ein Wörterbuch Englisch/Deutsch besteht aus etwa 30 Bänden, von denen jeder etwa die Größe des Hamburger Telefonbuchs hat und nur die Worte und Erklärungen zu einem Anfangsbuchstaben des Alphabets enthält.

Während man in den Anfängen der Braille-Schrift die Punkte der Schriftzeichen und Ziffern von der Rückseite seitenverkehrt mit einer Schablone und einem Stichel in das Papier drücken musste, wurde das Schreiben der Punktschrift ab 1899 durch eine Erfindung von Oskar Picht erleichtert. Der Pädagoge hatte die erste brauchbare Bogenschreibmaschine für Blinde erfunden, Sie hatte – entsprechend der 6-Punkteschrift - nur sechs Schreibtasten und eine Leertaste. Mit diesem Schreibgerät war es möglich direkt die Schriftzeichen - durch betätigen einer Kombination mehrerer Schreibtasten - in das Papier zu drücken und die geschriebenen Punkte auch gleich zu kontrollieren. Dies war bei einer Blindenschriftschablone nicht möglich. Noch heute werden Blindenschriftmaschinen nach dem Prinzip von Picht verwendet. Ihr Nachteil ist lediglich, dass man innerhalb eines geschriebenen Blindenschrifttextes keine Korrekturen vornehmen kann, ohne sich die bereits geschriebenen Punkte platt zu drücken.

Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts werden diese Picht-Schreibmaschinen bei Blinden mit Bürotätigkeit zunehmend durch Personalcomputer verdrängt. Diese Computer sind neben dem normalen Betriebssystem und einem Schreibprogramm mit speziellen Programmen (Software) ausgestattet, die es ermöglichen, die auf dem Bildschirm angezeigte Cursor-Zeile mittels einer synthetischen Sprache anzusagen und ggf. auf einer „Braille-Zeile“ direkt in Punktschrift anzuzeigen. Dazu werden in der Braille-Zeile kleine Stifte angesteuert, die entsprechend der Textzeile auf dem Bildschirm in Punktschrift übersetzt aus einer Ebene herausfahren und abgetastet werden können.

Mit Hilfe dieser Technik ist es möglich, auch als Blinder Texte selbst zu korrigieren, E-Mails zu schreiben und zu empfangen oder im Internet zu surfen. Über Scanner und Newsreader kann man sich zudem Zeitschriften, Bücher oder in Maschinenschrift abgefasste Briefe vorlesen lassen. Allerdings ist diese Technik relativ kostenintensiv und setzt auch eine notwendige Schulung voraus, um die Maus durch Tastenkombinationen zu ersetzen. Dies macht deutlich, dass viele – insbesondere ältere blinde Menschen – mit dieser Technik überfordert sind. Auch ist bei der Evolution der Technik eine ständige Anpassung an neue Software erforderlich, um auf der Datenautobahn nicht abgehängt zu werden. Damit sind Kosten verbunden, die heute von vielen blinden Menschen nicht mehr ohne die Hilfe von sozialen Leistungsträgern erbracht werden können.

Ich erwähnte eingangs, dass die meisten blinden Menschen ihr Sehvermögen erst im Alter von über 60 Jahren verloren haben. Dies macht deutlich, dass der Tastsinn dieser Menschen auch nicht mehr so sensibel ist, wie bei früh erblindeten oder von Geburt an blinden Menschen, die von Anfang an auf das Tasten angewiesen sind. Insofern verwundert es nicht, dass von den 200.000 blinden Menschen in Deutschland nicht einmal 10 % in der Lage sein dürften, die  Blindenschrift zu lesen und zu schreiben. Selbst, wenn ältere, blinde Menschen die Blindenschrift erlernen wollen, gibt es für sie kaum ein ausreichendes Kursangebot. Durch die sinkende Sensibilität der Fingerkuppen reduziert sich die Lesegeschwindigkeit mit zunehmendem Alter. Während eine früh erblindete Person durchaus in der Lage ist, ca. 60 Punktschriftseiten in der Stunde zu lesen (ca. 30 DIN-A4-Seiten Schwarzschrift), erreichen ältere, blinde Menschen oft nicht einmal ein zehntel dieser Lesegeschwindigkeit. Dadurch sinkt bei ihnen zwangsläufig auch die Akzeptanz, Blindenschrift zu nutzen und größere Texte zu lesen. Hilfreich ist die Blindenschrift aber dennoch auch für diese Personen, wenn es darum geht, die Blindenschriftbezeichnung auf Medikamentenpackungen zu lesen und gleich große Verpackungen damit sicher voneinander zu unterscheiden. Diese Kennzeichnungspflicht von Medikamenten ist erst in jüngster Zeit durch eine Verordnung der Europäischen Union eingeführt worden. 

Blinde Nichtblindenschriftleser sind heute allerdings nicht von Neuerscheinungen der Literatur ausgeschlossen. Für sie gibt es das Hörbuch. Das sind Bücher, wie sie zunehmend auch für sehende Nutzer, z. B. als Unterhaltung bei Autofahrten u.ä. kommerziell angeboten werden. Blinde können ein größeres Angebot an Buchtiteln von der Belletristik bis zur berufsbezogenen Fachliteratur kostenlos bei sog. Hörbüchereien ausleihen. Die Deutsche Post hat sich per Beförderungsvertrag verpflichtet, diese Hörbücher unentgeltlich zuzustellen.

Während in den Anfängen der Hörbüchereien von ausgebildeten Sprecherinnen und Sprechern auf Tonbänder aufgesprochene Bücher versandt wurden, folgten in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Tonbandkassetten. Diese Änderung bedeutete schon einen enormen Fortschritt und eine erhebliche Gewichtsreduzierung der Bücherboxen für die Post. Heute werden moderne Hörbücher für Blinde im DAISY-Format auf CDROM versandt, d.h. ein komplettes Hörbuch, das zur Tonbandzeit vielleicht mehrere Kilo gewogen hat, passt jetzt auf eine einzige Scheibe, die sich in einem Briefumschlag versenden lässt. Das DAISY-Format (Digital Accessible Informationsystem) ist eine Entwicklung, die in den letzten Jahren weltweit für blinde Hörbuchnutzer vorangetrieben wurde. Sie geht weit über das hinaus, was für Sehende als sog. MP3-Player angeboten wird. Mit DAISY kann man jederzeit ein Hörbuch unterbrechen, Lesezeichen setzen, von Kapitel zu Kapitel oder sogar innerhalb von Absätzen oder Zeilen navigieren. Mit anderen Worten: Man kann ein Buch auch quer lesen und nicht interessierende Passagen überspringen. Zudem erfolgt die Bedienerführung per Sprachsynthesizer.

Zunehmend hat auch die moderne Kommunikationstechnik die Vorteile der Sprachsynthesizer für alle Kunden erkannt. Bei Abwesenheit eines Telefonteilnehmers zeichnet die Telekom automatisch die Nummer und Uhrzeit eines eingehenden Anrufs auf und übermittelt diese Daten dem Telefonkunden per synthetischer Sprache, wenn er wieder ansprechbar ist.

In den Anfängen des World Wide Web (Internet) wurden viele Web-Seiten mit graphischen Oberflächen und Bildern gestaltet. Heute ist jeder Webdesigner bemüht, seine Internetseiten so zu gestalten, dass sie möglichst schnell von Suchmaschinen wie Google oder Yahoo gefunden und möglichst weit vorn in der Suchliste platziert werden. Das setzt voraus, dass die Gestaltung zwar optisch ansprechend aber für die Suchmaschine möglichst barrierefrei aufgebaut werden muss. Dieser Vorteil kommt selbstverständlich auch blinden Nutzern des Internet zugute.

Auch das Medium Fernsehen versucht den Bedürfnissen blinder und sehbehinderter „Fernsehzuschauer“ gerecht zu werden. Wer sich einmal eine Programmzeitschrift anschaut, der wird feststellen, dass neben einigen Programmangeboten ein durchgestrichenes, stilisiertes Auge abgebildet ist. Dieses Auge weist darauf hin, dass es sich hierbei um einen Film mit Audiodescription (Bildbeschreibung) handelt. Immer dann, wenn Stummszenen im Film gezeigt werden (Dialogpausen), wird von Bildbeschreibern eine erläuternde Information gesprochen, die bei digitalem Fernsehempfang über einen zweiten Tonkanal hörbar ist.

Auch bei Kino- und Theateraufführungen werden in den letzten Jahren gelegentlich Audiodeskriptionen angeboten. Der Theaterbesucher erhält dazu einen Kopfhörer mit  sog. Guideport-Empfänger. Guideportanlagen wurden früher vorrangig bei größeren Konferenzen mit mehreren Sprachen als Dolmetscheranlagen eingesetzt und können genauso verwendet werden, um blinden Theaterbesuchern von einer Dolmetscherkabine aus Beschreibungen des Bühnenbildes, der Kostüme oder der Handlung eines Theaterstücks zu geben.

Einige Tageszeitungen werden heute für blinde PC-Nutzer „online“ und diverse Fachzeitschriften zumindest Auszugsweise auf Kassetten oder CDROM angeboten.
Man sollte allerdings beim Angebot der modernen Medien nicht vergessen, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Selbst, wenn man die Medienangebote alle nutzen wollte, man kann es nicht. Man wird selektieren müssen, ob man lieber eine gedruckte Zeitschrift in Punktschrift lesen, ein Hörbuch hören will oder im Internet surfen möchte. Es sind natürliche Grenzen der Informationsaufnahme vorhanden, die sich nicht nur an Kosten, sondern an der menschlichen Aufnahmekapazität orientieren. Insofern wird in den letzten Jahren auch von Seiten der Wissenschaft zunehmend Kognitions- und Wahrnehmungsforschung mit blinden Probanden betrieben, um die Grenzen menschlicher Informationsverarbeitung auszuloten. Bislang ist man immer davon ausgegangen, dass mit dem Wegfall des Sehvermögens 80 bis 90 % aller Informationen, die der Mensch aufnimmt, verloren gehen. Von der Neuropsychologie ist bislang allerdings nur wissenschaftlich belegt, dass beim „Sehen“ 50 bis 70 % der Großhirnrinde aktiviert sind, d.h. durch andere Sinneswahrnehmungen müssen sehr viel mehr Informationen übermittelt werden als bisher angenommen. Die Kognitionsforschung liefert auch wesentliche Erkenntnisse zur Mobilität und zum Orientierungsverhalten blinder und sehbehinderter Menschen.

Wie orientieren sich hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen? Wer noch ein Restsehvermögen hat, und sei es noch so gering, wird versuchen, dieses zur Orientierung zu nutzen. Dabei können optische Kontraste (hell-dunkel Unterschied) die Erkennung von Objekten und Personen unterstützen.

Wie aber sieht es bei blinden Menschen mit der Orientierung aus? Der Mensch hat zwei Sinnesorgane für die Fernorientierung, die Augen und die Ohren. Beide sind paarweise in einem räumlichen Abstand am Kopf angeordnet und über parallele Nervenleitungen direkt mit den für die Wahrnehmung zuständigen Bereichen unseres Gehirns verbunden. Durch die paarweise Anordnung ist eine räumliche Orientierung möglich. Beide Sinnesorgane werden vom Nackenwirbel aus mit dem Rechner, unserem Gehirn, immer gleichzeitig in die gleiche Richtung bewegt und die empfangenen Informationen haben folglich immer übereinstimmende Koordinaten. Dies ist für die Orientierung von Bedeutung, um die bereits im Kopf gespeicherten Bilder automatisch mit den neu aufgenommenen Bildern (bzw. Daten) vergleichen zu können. Orientierung und Navigation sind Lernprozesse, bei denen im Laufe eines Lebens im Gehirn Schritt für Schritt sog. kognitive Karten aufgebaut werden. Als Kleinkind prägt man sich erste markante Punkte (Landmarken), Gebäude, Bäume usw. ein, die mit zunehmendem Aktionsradius durch Wegstrecken miteinander verbunden werden. Später werden Querverbindungen hergestellt, sodass daraus kognitive Karten entstehen, die durch geeignete Orientierungshilfen, wie Städte- und Straßennamen, Bilder von markanten Gebäuden usw. ständig erweitert werden können. Auch sind diese kognitiven Karten vom jeweiligen Kulturkreis geprägt, in dem sie entstehen. Ein Mensch im Urwald orientiert sich an ganz anderen Landmarken als ein Mensch in der Stadt. Beide würden sich im Kulturkreis des anderen nicht zurecht finden.  Insofern ist es Unsinn, wenn Medien gelegentlich über einen Fall berichten, wonach einem von Geburt an blinden Menschen durch einen operativen Eingriff das Sehen wiedergegeben worden ist. Man hat dieser Person allenfalls die Möglichkeit zur Wahrnehmung visueller Reize zurückgegeben. Damit ist aber noch nicht die Erkennung von Bildern möglich. Die Wahrnehmung von Bildern, ihre Erkennung und Verknüpfung, sind Prozesse, die langfristig im Gehirn erfolgen. Mit einer spontanen Wunderheilung würde man keinem blinden Menschen einen Gefallen tun, sondern ihn vielmehr in ein absolutes Chaos stürzen. Das Gehirn hat sich während der Blindheit auf die Verarbeitung und Nutzung anderer Sinnesreize umgestellt. Das Gehirn eines Blinden wäre bei einer Wunderheilung gar nicht in der Lage die plötzliche Vielzahl an visuellen Reizen zu verarbeiten. Insofern kann es gar keine „Wunderheilung“ für blinde Menschen geben, es sei denn, man würde gleichzeitig ihren gesamten Erfahrungsschatz, d. h. den Speicherinhalt ihres Gehirns austauschen.

Fällt das Sehvermögen aus, bleibt nur das Gehör zur Fernorientierung übrig. Deshalb spricht man von blinden Menschen gelegentlich auch von Menschen, die mit den Ohren sehen. Blinde orientieren sich anhand von Schall und Schallreflexionen, die durch Eigengeräusche (Schritte, Rascheln von Kleidungsstücken, Atmen usw.) oder durch Fremdgeräusche (Schritte, Stimmen und Geräusche anderer Personen, Fahrzeuge usw.) entstehen und mit geringer zeitlicher Verzögerung von Wänden, Objekten und Personen zurückgeworfen werden. So ist es sehr leicht möglich, den Verlauf einer Straße an den Fahrgeräuschen der Kraftfahrzeuge zu erkennen. Schritte vorangehender Personen zeigen an, wo man gehen kann, ohne auf feste Hindernisse zu treffen, um hier nur wenige Beispiele zu nennen. Problematisch ist die akustische Wahrnehmung nur dort, wo große Lärmpegel (viele durcheinander redende Menschen, starker Straßenverkehr, Baustellenlärm usw.) herrschen. Auch die natürliche Altersschwerhörigkeit reduziert die Wahrnehmung und das Verstehen von Sprache. Da die meisten Blinden ältere Menschen sind, führt die zusätzliche Hörbeeinträchtigung zwangsläufig zum gesellschaftlichen Rückzug.
 
Zur Sicherung des Körpers gegen Zusammenstöße setzen blinde Menschen einen langen, weißen Blindenstock ein, einen sog. Langstock, mit dem man bis auf den Boden reichende Hindernisse gut zwei Schritt im Voraus erkennen kann.  Gleichzeitig wird der Langstock auch zum Ertasten von Bodenstrukturen als Orientierungshinweise eingesetzt. Auf Bahnhöfen und bei anderen Verkehrseinrichtungen gibt es heute Leitstreifen mit einem Rillen- oder Rippenprofil, die in einem Sicherheitsabstand zur Bahnsteigkante verlaufen und von blinden Fahrgästen als Leitelemente genutzt werden, um nicht vom Bahnsteig auf die Gleise zu stürzen. Auch die Lage von Bushaltestellen, Straßenquerungsstellen und die Laufrichtung eines Fußgängerüberweges wird in vielen Städten bereits durch solche Bodenindikatoren angezeigt.

Mit dem Tastsinn ist es lediglich möglich, Informationen im unmittelbaren Greifbereich von Armen und Händen bzw. im Schrittbereich der Füße wahrzunehmen, also in einem Umkreis von max. 1 m. Blinde sind folglich bei der Fernorientierung vorrangig auf akustische Signale angewiesen. Das gilt auch für den Status von Lichtsignalanlagen. Während ein Tackergeräusch den Standort einer Ampelanlage signalisiert, kann der Blinde darauf zugehen und sich das akustische Freigabesignal durch Betätigen eines verdeckten Zusatztasters am Anforderungsmodul ergänzend zum grünen Lichtsignal zuschalten. Ein akustisches Signal zeigt die Dauer der Freigabezeit und vom gegenüberliegenden Mast der Lichtsignalanlage akustisch die Laufrichtung einer Fußgängerfurt an (akustischer Leuchtturm). Vibratoren, die man eine Zeit lang aus Lärmschutzgründen als Statusanzeige für Blinde in Anforderungsmodulen installiert hat, können bei „grün“ allenfalls ein Startsignal  geben. Spätestens, wenn der Blinde seine Hand von der vibrierenden Fläche nimmt, hat er bei der Straßenquerung keine Information mehr, wie lange die Grünzeit dauert und in welche Richtung er laufen muss.

Weitere Sinneswahrnehmungen blinder Menschen, die zur Orientierung eingesetzt werden, sind der Geruchssinn und die Wahrnehmung von Kälte bzw. Wärmestrahlung über die nicht bedeckten Hautpartien.

Die wenigen hier vorgestellten Beispiele mögen vielleicht einen kleinen Einblick in die Welt der Blinden geben. Blinde üben heute nicht nur handwerkliche Tätigkeiten als Korbflechter und Bürstenmacher aus, sondern sind als Telefonisten, Schreibkräfte, Physiotherapeuten, in akademischen Berufen, als Juristen, Psychologen, Journalisten, Programmierer, Archivare, Sozialarbeiter, Lehrer u.ä. tätig. Sie sind keine homogene Gruppe von Menschen, sondern entfalten sich ganz nach ihren natürlichen Fähigkeiten. Sie organisieren ihren Haushalt selbst, nehmen an Freizeitaktivitäten und Studienreisen in ferne Länder teil. Dennoch haftet ihnen das Image an, unselbständig und inaktiv zu sein. Menschen, die ein grausames Schicksal erlitten haben. Ein Menschenbild, das nicht zuletzt unserer christlichen Erziehung und den Bildern der Gleichnisse unserer Bibel über Blindenheilung entspringt. Es ist bedauerlich, dass viele „sehende“ Menschen sich zieren oder Hemmungen haben, zu fragen oder sich mit dem Thema Blindheit zu befassen. Blinde Menschen sind in keiner Weise anders als sehende Menschen. Wenn sie gewisse Eigenarten entwickeln, mag dies nicht zuletzt auf eine soziale Ausgrenzung zurückzuführen sein, weil z.B. der so wichtige Blickkontakt fehlt (Nonverbale Sprache), der Sehende von einer Kontaktaufnahme abhält.

Da unsere Wahrnehmung und letztlich auch geistige Entwicklung überwiegend von visuellen Eindrücken bestimmt wird, mag man es als ein grausames Schicksal empfinden, das Augenlicht zu verlieren. Hat das nicht in einigen Bereichen auch Vorteile? Sehende Menschen, sind von der Reizüberflutung unserer Umwelt bestimmt. Mode, Farbe, formschöne Gestaltung, das Aussehen von Menschen und Objekten spielt für blinde Menschen eine unbedeutende Rolle.

Wichtig ist, wie man sein Schicksal annimmt und was man daraus macht. Erika Schuchardt, die bekannte Psychoanalytikerin, hat in ihrem Buch „Behinderung und Glaube“ sehr schön ausgeführt, wie der Mensch in seiner Entwicklung unterschiedliche Spiralen durchlaufen muss, um z.B. eine Behinderung (Trauer, Trennung usw.) verarbeiten und annehmen zu können. Die Spiralen sind in drei Stadien aufgeteilt: Im Stadium 1 handelt es sich um eine kognitive, fremdgesteuerte Dimension. Da rennt man von Arzt zu Arzt, zu Heilpraktikern u.ä. und versucht Medizin einzukaufen. Im Stadium 2 haben wir es mit einer emotionalen, ungesteuerten Dimension zu tun, die Aggression, Verhandlung, Depression beinhaltet. Man hadert mit sich und seinem Glauben. Warum hat Gott mir das angetan, warum ausgerechnet mir? Erst nach insgesamt acht Spiralen ist das Zielstadium 3 erreicht. Es umfasst die aktzonale, selbstgesteuerte Dimension, zu der Annahme, Aktivität und Solidarität gehören. Dies ist ein Entwicklungsprozess, dessen 3. Stadium viele Menschen mit einer oder mehreren Behinderungen nicht erreichen, weil sie auf einer Entwicklungsstufe (Spirale) stehen bleiben. Es ist auch nicht möglich Spiralen zu überspringen, sondern jede Spirale muss von Anfang bis zum Ende durchlaufen werden. Nur dann wird eine Behinderung als etwas völlig Normales angenommen. Für außenstehende Personen, mag dies kaum nachvollziehbar sein und von ihnen wird Blindheit als ein grausames Schicksal empfunden. Für blinde Menschen, die ihr Schicksal angenommen haben, ist das nicht der Fall. Es ist ein Schicksal von vielen.

Volker König         



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